(Nur) Ein bisschen Mut

Ja, ich gebe zu, ich bin ein kleiner Schisser. 😉

Gestern Abend habe ich so für mich beschlossen, dass ich endlich mal wieder einen Sonnenaufgang sehen will. Und der heutige Samstag sollte lt. Wetterbericht die perfekten Bedingungen liefern. Doch wo den Sonnenaufgang am Besten genießen? Für mich gibt es da nur genau zwei Antworten: am Meer oder auf einem Berg.

Ans Meer fahren lässt sich so schnell nicht realisieren. Aber auf einen Hügel könnte ich es schon schaffen. Die Sächsische Schweiz liegt vor meiner Haustür! Es gibt da eine Tour die ich schon ewig mal machen wollte: Start ist an der Neumannmühle, dann zum Teichstein, weiter die Thorwalder Wände entlang und dann auf dem Rückweg noch hinauf zum Winterstein (Hinteres Raubschloss). Der Teichstein wäre perfekt für einen Sonnenaufgang.

Ich hatte also einen Plan! Bis … ja, bis ich heute morgen um zwei Uhr aus dem Bett gepurzelt bin und draußen einfach alles nur schwarz war. Da wurde mir erstmal klar, was ich da vor hatte und dass ich, wollte ich um 5.15 Uhr (vorhergesagte Sonnenaufgangszeit) auf dem Teichstein sein, spätestens ab 3:30 Uhr knapp 4km allein durch den pottfinsteren Wald laufen musste! 😮 … Die Morgendämmerung dringt ja erst viel später durch den dichten Wald. DAS fühlte sich gerade nicht sehr einladend an. Um ehrlich zu sein: ich hatte Schiss 😉 Neee, diese Tour mache ich mal am Tag oder im Morgengrauen in Begleitung. Aber heute nicht!

Doch was jetzt? Ich wollte immer noch einen Sonnenaufgang sehen. Da erinnerte ich mich, dass mir hier in einem Blogkommentar von Pit mal der Weifberg bzw der Weifbergturm als lohnendes Ziel für tolle Panoramaaussichten empfohlen wurde. Und der Vorteil ist, dass man vom Parkplatz an der Buchenparkhalle in Hinterhermsdorf fast bis zum Aussichtsturm über freie Strecke läuft. DAS würde ich doch hinkriegen! Und somit hatte ich einen Plan B … geschmiedet nachts um zwei Uhr 🙂

Also die Müdigkeit abgeschüttelt und auf in die Nacht. Ich musste ja ohnehin erstmal eine Stunde mit dem Auto fahren, um überhaupt zum Ausgangspunkt meiner heutigen Tour, nach Hinterhermsdorf, zu kommen.

Bei meiner Ankunft um 4 Uhr auf dem Buchenpark-Parkplatz zeichnete sich zum Glück schon ein erster Lichtschein am östlichen Horizont ab. Ein bisschen plumpste mir dann doch ein Stein vom Herzen. Ich merkte, dass ich doch eine Menge mehr Schiss in der Dunkelheit hatte, also ich mir eingestehen wollte 😉

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Um zum Weifberg zu gelangen, musste ich durch den Ort, und durch die weiche Straßenbeleuchtung gewöhnte ich mich langsam an die Dunkelheit. Allmählich konnte ich auch den Turm erkennen, auf den ich heute zu dieser frühen Stunde wollte (hinten links auf dem Foto) .

Dort hinauf wollte ich … der Weifbergturm

Kurz vor 5 Uhr war ich oben auf dem Weifberg. Mein lieber Schwan! Diese ersten 100 Höhenmeter zum Weifberg rauf haben zu dieser frühen Morgenstunde meinen Puls ganz schön in Wallung gebracht. Jetzt galt es „nur“ noch etwa 150 Meter durch den düsteren Wald zum Turm zu „schaffen“ … aber ich hatte ja eine Taschenlampe dabei. Die musste jetzt einfach zum Einsatz kommen! Anders traue ich mich da jetzt nicht in den Wald rein … Angsthase eben 😉

düsterer Wald

Und dann war ich endlich am Turm.

Weifbergturm

Zuerst war ich ziemlich enttäuscht. Da war doch tatsächlich ein Gatter vor dem Treppenaufgang! Na das wäre ja eine Pleite! Ich quäle mich mitten in der Nacht aus den Federn und dann komme ich den Turm nicht hoch! 😮  Aber ich hatte Glück. Bei näherem Hinsehen, war das Gatter nur angelehnt und konnte problemlos von mir geöffnet werden. Ich vermute mal, dass dies dem Schutz vor Tieren dient, die sich die Treppe hinauf wagen und in Gefahr bringen könnten.

Für mich hieß es nun schnell die letzten 36 Höhenmeter bis zur Aussichtsplattform hinter mich zu bringen, denn der Lichtschein am Horizont wurde immer stärker und ich wollte ja den Sonnenaufgang nicht verpassen. Leider ist oben auf der Aussichtsplattform zur Zeit ein Teil gesperrt, so dass ich nur die eine Hälfte zur Verfügung hatte. Aber der Anblick, der sich mir bot, war trotzdem einfach grandios … auch jetzt schon, VOR dem eigentlichen Sonnenaufgang. Allein schon deswegen, hat sich die Nachttour gelohnt.

Blick Richtung Osten in die Lausitz und das Zittauer Gebirge

 

Blick vom Weifbergturm Richtung Süden in die Böhmische Schweiz (links) und zur Schrammsteinkette (rechts)

Es war toll, aber um 5.15 Uhr (der vorhergesagten Sonnenaufgangszeit) war leider von einem herrlich strahlenden Feuerball der Sonne nicht ein Fitzelchen zu sehen! Sollte mich die Sonne heute enttäuschen und ihr Schauspiel hinter diffusen diesigen Wolkenschleiern verstecken? Das wäre ja ärgerlich. 😮

Andererseits war das kaum zu glauben, denn der Himmel im Süden und Südosten färbte sich in herrlichem Morgenrot. Das wäre nicht so, wenn Wolken die Sonne verdecken würden.

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Aber meine Sorge war gänzlich unberechtigt. Etwa 5.25 Uhr war es endlich zu sehen, dieses eindringend orangerote Leuchten der Sonne! Ich war völlig hin und weg. Dieses Naturschauspiel begeistert mich jedes mal wieder. Dann stehe ich einfach nur mit offenem Mund da und würde am liebsten ständig Oh! und Ahh! rufen 😉 😉 😉

Da ist er, der neue Tag … begrüßt mich einem herrlichen Sonnenaufgang

Wenn ich die Infotafel richtig deute, müsste die Sonne hinter dem Pikaer Berg aufgehen.

Die Sonne geht hinter dem Pikaer Berg auf.

 

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Ja der morgendliche Aufsteh- und Schiss-haben-Stress hat sich wirklich gelohnt. 😉 Bilder können dieses Gefühl der Erhabenheit nur sehr schwer wiedergeben. Man muss es einfach erleben…

Inzwischen war der Tag in voller Schönheit angebrochen. Nach einem kleinen Frühstück in luftiger Höhe habe ich mich an den Abstieg gemacht, um auf meine Wanderrunde gehen.

Auf in den Tag … er verspricht schön zu werden!

Wenn ich schon mal hier bin, wollte ich mal wieder durch das Kirnitzschtal wandern. Da bin ich zuletzt vor reichlich einem Jahr gewandert und ich freute mich darauf, mal wieder in das Dickicht einzutauchen. Diesmal würde ich durch das Weißbachtal statt durch die Wolfsschlucht wandern … ein bisschen Abwechslung muss sein 🙂 . Ich hatte gelesen, dass der Grenzweg entlang der Weißbach und das Weißbachtal zu den abgelegensten und schönsten der Sächsischen Schweiz gehören soll.

Auf einem breiten Forstweg führte mich mein Weg erst einmal Richtung Osten – immer der gelben Markierung nach.

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Und dann hatte ich meinen nächsten Herzschlagmoment (oder besser gesagt: ich hatte mal wieder Schiss 😉 ). Ich laufe so einsam vor mich hin und schaue links und rechts rein in den Wald und da sehe ich auf einer Lichtung ein Wildschwein munter vor sich hin wühlen. Ufff … 😮

Natürlich weiß ich, dass es in der Sächsischen Schweiz und in Wäldern Wildschweine gibt. Das ist in der Natur nun mal so. Aber bisher habe ich das immer erfolgreich ausgeblendet, weil ich einfach auch gar nicht wissen will, was sich so auf meinen einsamen Wanderungen verborgen neben mir im Unterholz befindet. Und gesehen hatte ich ja auch noch keine. Bis heute! Da wurde mir kurz etwas anders. Zum Glück waren etwa 50 Meter zwischen mir und dem Schweinchen. Möglicherweise hat es mich auch gar nicht bemerkt 😉 … ich bin „einfach“ in Ruhe weitergegangen. Aber mal ehrlich?! Was macht man denn, wenn so ein Koloss der Meinung ist, auf mich zu rennen zu müssen? Auf einen Baum klettern geht echt nicht so einfach. Dieser Gedanke schoss mir natürlich durch den Kopf, aber an diesen hohen Nadelbäumen ist ja nichts, an dem man sich irgendwie festhalten und hochhangeln könnte. Was also machen? Wie schlägt man so ein Tier in die Flucht? …

Jetzt musste ich erstmal meinen Puls beruhigen! Es dauerte eine Weile, bis ich nicht bei jedem Knacken im Wald zusammengezuckt bin… aber nach ein paar Minuten hatte ich mich wieder im Griff. Geht ja auch nicht anders. Sonst dürfte ich überhaupt nicht mehr allein wandern gehen 🙂

Und dann war ich unten an der Weißbach im Weißbachtal. Und schon die ersten Meter versetzten mich in so eine tiefe intensive Stille, die ich immer spüre, wenn ich durch enge und dicht bewachsene Täler laufe. Mir fiel die ganze Zeit immer wieder nur ein Attribut ein: WILD

Weißbach mit Grenzsteinen im Weißbachtal

 

Wildes Weißbachtal

 

Mein schön schmaler, aber gut zu laufender Weg war gespickt mit weißen Grenzsteinen. Rechts der Weißbach waren die für Deutschland und links die für Tschechien. Und zu diesen von Menschenhand gesetzten Steinen, passierte ich zahllose riesige Felsformationen (Felsmurmeln 😉 ). Wie lange die dort schon liegen und wie vieles die wohl schon erlebt haben? Mir jedenfalls nötigen sie immer wieder Respekt ab.

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Nach etwa 2,5 km war mein Weg entlang der Weißbach zu Ende und mein murmelnder Begleiter war ab jetzt die Kirnitzsch. Das Tal und der Weg wurden etwas breiter. Diesen Streckenteil kannte ich schon von meiner Wanderung vor einem Jahr.

Den folgenden schönen Spruch habe ich an einem Haus in der kleinen Siedlung Im Loch gefunden. Er hat mir sofort gefallen und musste natürlich mit, um hier in meinem Blog aufzutauchen. Respekt und Wertschätzung sollten immer Grundpfeiler unseres Handelns sein … und ganz sicher auch in der Natur!

Respekt und Wertschätzung … Grundpfeiler unseres Handelns

 

Weiter führte mein Weg an der Kirnitzsch entlang zur Oberen Schleuse durch die Kernzone der Sächsischen Schweiz. Die Wege wurden immer wieder etwas schmaler, was ich sehr mag.

Kernzone der Sächsischen Schweiz entlang der Kirnitzsch

 

Schmale Pfade entlang der Kirnitzsch

Inzwischen war es fast 9 Uhr. Ich hatte meinen Weg bis zur Oberen Schleuse, dem Startpunkt für die Kahnfahrten auf der Kirnitzsch, erreicht, aber bisher noch keinen einzigen Menschen gesehen. Tatsächlich ist mir seit meinem Tourstart um 4 Uhr in Hinterhermsdorf noch niemand begegnet. Klar, um 4 Uhr wandern vermutlich nicht wirklich viele Leute durch die Gegend, aber jetzt? Der Tag ist doch schon ein paar Stunden alt. Obwohl ich auch nicht ganz unzufrieden bin, wenn ich meinen Weg alleine gehen kann (ok, außer wenn mir ein Wildschwein über den Weg läuft 😉 ).

Das Kirnitzschtal bzw. die Kirnitzschklamm steht dem Weißbachtal an Enge und Wildnis echt in nichts nach.

Wildes Kirnitzschtal

 

Angekommen an der Oberen Schleuse habe ich mich heute für den Weg durch das Tal parallel zum Fluß entschieden. Vor einem Jahr hatten wir noch den Kahn genommen, aber das wäre heute ohnehin nicht drin gewesen … war ja keiner da 😉

Obere Schleuse an der Kirnitzsch

 

Die noch nicht mal 2 km von der Oberen Schleuse bis zur Unteren Schleuse kann man wirklich sehr gut selbst laufen und man bekommt auch ganz andere Perspektiven auf die Gegend geboten.

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Ziemlich steil ging es dann den Flößersteig hinauf zum Hermannseck. Irgendwie hatte ich mich bei dem Wegweiser gewundert. Dort stand bei dem Weg, den ich nehmen wollte: Hermannseck (bequem). Wohlgemerkt, es ging relativ steil und über viele Stufen aufwärts. DAS sollte bequem sein? 😉 Später, oben auf dem Hermannseck habe ich dann tatsächlich den steilen/engen Weg entdeckt! 😮 … Jetzt wusste ich, warum mein Weg bequem war 🙂

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Das Hermannseck ist ein felsiges Horn, das schöne Einblicke in die Kirnitzschklamm und über das Elbsandsteingebirge gewährt.

Hermannseck mit Schlege-Schutzhütte

So langsam wurde ich aber auch müde und wollte zurück zum Auto. Ich merkte, dass ich mitten in der Nacht aufgebrochen war. Die Tour war bisher wunderschön, aber so langsam wurden mir auch die Beine schwer. Aber einen Aussichtspunkt wollte ich noch besuchen. Statt auf direktem Weg zurück nach Hinterhermsdorf zu gehen, führte mich mein Weg noch zum Königsplatz.

Der größte Teil des Weges vom Hermannseck zum Königsplatz führt über unspektakuläre Forstwege und leider auch bergab … was bedeutet, dass es am Ende noch mal ordentlich bergauf geht (was ich aber schon wusste) 😮 😉 . Irgendwann ging es dann aber auch rechts weg und runter vom Forstweg. Es wurde wieder etwas idyllischer und enger. Der Tunnelweg machte seinem Namen alle Ehre!

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Ich weiß, dass da nichts passieren kann, und doch muss ich mich bei solchen Durchgängen immer echt zusammenreißen, um durchzugehen. Da verlässt mich mich ab und an doch erstmal der Mut … aber er kommt wieder 😉 … es gab ja auch keine Alternative. Lohnt also eigentlich gar nicht, darüber nachzudenken 🙂 Da sind ja auch schon tausende Leute vor mir durchgelaufen!

Kurz vor dem Königsplatz und gegen 10 Uhr sind mir dann die ersten vier Wanderer des Tages begegnet. Die habe ich schon Minuten vorher gehört, bevor ich die gesehen habe. Die schnatterten so laut und wild durcheinander, dass jeder wusste, dass da auf dem steilen letzten Aufstieg zum Königsplatz mit Gegenverkehr zu rechnen ist 🙂

Oben auf dem Königsplatz hatte ich wieder ein wunderbares Panorama.

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Panorama vom Königsplatz

Ich merkte jedoch auch, dass ich mich meiner Grenze für die Aufnahme neuer Eindrücke näherte. Reizüberflutung. Es reichte langsam für heute und ich freute mich darauf, in aller Ruhe die letzten zwei Kilometer meiner Wanderung zu absolvieren und die Heimreise anzutreten.

Nach fast 7 Stunden war ich wieder am Ausgangspunkt meiner heutigen Wanderung und grinste irgendwie wie ein Honigkuchenpferd. 😉 Was für ein schöner Tag. Und ich war auch ein bisschen stolz darauf, meinen Mut zusammengenommen und die Tour mit dem Sonnenaufgang begonnen zu haben.

Jetzt musste ich das alles erstmal verarbeiten und tatsächlich ist das Schreiben meiner Bloggeschichten und das Sortieren der Bilder immer so, als würde ich die Tour noch einmal wandern oder mit dem Rad fahren. Alles noch einmal erleben.

Und das war meine heutige Strecke … einfach nur zu empfehlen (auch am Tag und ohne Sonnenaufgang 😉 )

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Anja Keller

Draußen sein, Radfahren oder Wandern ist ein guter Ausgleich zur Schnelligkeit des Alltags.

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3 Antworten

  1. Karsten Bath sagt:

    Tapfer durchgehalten. Ein schöner Bericht. VG aus Mecklenburg

  2. Pit sagt:

    Hallo Anja,
    tolles Erlebnis hast Du da gehabt, da hat sich der Mut gelohnt. Du bringst mich auf eine Idee – das mache ich auch mal. Weißt Du, über welchem Berg die Sonne aufgeht?
    VG – Pit

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