Verflixter 18b

Da hätte mir doch glatt so ein verflixter ausgeschriebener, aber so schrecklich ausgeschilderter Wanderweg meinen tollen ersten Wandertag hier in Nauders verdorben! Ich hatte mir so tolle Beitragsüberschriften wie „Höhenweg mit kurzer Flucht“, „Mit dem Kopf durch die (Flucht)Wand“, oder so ähnlich ausgedacht. Bis, ja bis ich mich entschied, meinen geplanten Weg zu verändern und auf direktem Weg über Wanderweg Nr. 18b ins Tal zurückzukehren… und im dicksten Dickicht landete. Völlig ohne Plan, wo ich eigentlich hin müsste und mich schon bis in die Nacht am Hang habe rumirren sehen 😮  Aber da ich jetzt hier diesen Text schreibe, habe ich es offensichtlich doch noch ins Tal geschafft 😉 … und erzähle einfach der Reihe nach.

Da ist er also, mein erster Urlaubstag hier in Nauders (Österreich, Tirol), und nachdem ich gestern Abend auf der Terrasse meines wunderbar entspannten Urlaubsdomizls, dem Hotel Berghof, schon diesen tollen Abendhimmel bestaunen durfte…

Nachthimmel über Nauders

… versprach der Morgen (na ja, und die Wetter-App 😉 ) einen sonnigen, wenn vielleicht auch etwas zu heißen Tag. Der Himmel war strahlend blau und ich war tatsächlich schon 7 Uhr auf den Beinen (ja, das ist kein Schreibfehler! Und das im Urlaub! 😉 )

ein strahlender ersten Urlaubsmorgen

Also habe ich flugs meinen Rucksack mit ein bisschen Verpflegung, ausreichend Getränke und der Notfallregenjacke (man (Frau 🙂 ) weiß ja nie!) gepackt und los gings.

Meine heutige Tour hatte ich als Wanderempfehlung des Nauderer Tourismusbüros entdeckt. Und solche Worte wie „Höhenweg“ oder „Herrliche Panoramablicke“ sind natürlich Schlüsselbegriffe, auf die ich sofort reagiere. Der Wanderweg Nr. 30 – Nauderer Höhenweg – sollte es heute sein. Da man praktisch jeden Wanderweg im Internet auch als GPS-Daten herunterladen kann und ich natürlich mit Navi ausgestattet bin, machte ich mir auch keine Sorgen, dass ich in unbekanntem Gelände den Weg nicht finden würde.

Der ausgeschriebene Weg sollte mit einer Gondelauffahrt zur Bergstation der Bergkastel-Seilbahn beginnen. Von dort etwa 14 km den Nauderer Höhenweg Nr. 30 entlang führen, bis es hinab ins Tal auf Weg Nr. 14 geht. Da ich es aber nicht so richtig charmant finden, einen Berg mit einer Gondelauffahrt zu beginnen, wenn es auch einen Weg gibt, dachte ich mir kurzerhand, was man in die eine Richtung laufen kann (als von Seilbahn weiter oberhalb der Waldgrenze und dann abwärts), geht doch auch in der anderen Richtung. Und eine Bergabfahrt ist ja nun wirklich völlig ok 😉 Also hatte ich meinen Weg und einen Plan! 😉

Gedacht. Getan. Und natürlich führte mich der Weg gleich ordentlich bergauf. Immerhin liegt Nauders auf 1394 m und ich musste bis auf 2200 m zum Labauner Köpfl hinauf … und das in etwa 7km. Der Weg war recht gut ausgeschildert (was meine Annahme bestätigte, dass man die Tour auch andersherum laufen kann 😉 ) …

Nauderer Höhenweg Nr. 30 … mein Weg!

…und doch musste ich über Viehabsperrungen drüber oder unter Elektrodrähte durch, die die Viecher auf den Hängen von einem Abstecher in den Ort abhalten sollen.

Doch dann hatte ich den richtigen und ziemlich breiten Forstweg Nr. 14 unter den Füßen und konnte zügig hinauf wandern. So ein bisschen musste sich mein Kreislauf aber auch wieder an das Hochhieven beim Wandern gewöhnen. Daher habe ich (eigentlich wie immer 😉 ) ziemlich schnell wieder mit meinen üblichen Foto(Atem)Pausen begonnen.

Erstes Panorama

Und während ich da so rumstehe und versuche, meinen Puls zu beruhigen … also während ich fotografiere 🙂 … fällt mir immer wieder dieses Gipfelkreuz links von meinem Wanderweg auf. Das sieht eigentlich gar nicht so hoch aus und wie es scheint, führt auch nur Wiese und kein Felsgeröll da hoch.

Da könnte ich doch auch eben noch mal hoch …

Ein Blick auf die Navigationskarte verriet mir, dass der Gipfel da links von mir, die sog. Fluchtwand war und eine Höhe von 2332m hat. Warum gehe ich da nicht rauf? Es war doch noch früh am Morgen und die zusätzlichen 300Hm würde ich schon verkraften, wenn ich erstmal oben auf der Labaunalm bin. In der Wanderwegbeschreibung hieß es ja, dass der Höhenweg keine nennenswerte Anstiege hätte 🙂 Es war noch nicht mal 10 Uhr, als ich auf der Labaunalm ankam. Ich lag wunderbar in meinem Zeitplan. Die letzte Seilbahn bergab fuhr 16.30 Uhr … ich hatte also noch reichlich 6 Stunden Zeit.

Also los; der Gipfel der Fluchtwand wird von mir „erobert“! 🙂 …Schritt für Schritt bergauf. Die Sonne brannte ordentlich auf dem Kopf und ich war heilfroh, dass es unterwegs immer wieder kleine Bäche gab, an denen ich mir frisches Wasser in meine Trinkflaschen füllen konnte. Das was ich mit hatte, war inzwischen schon lauwarm und das ist nicht sehr erfrischend.

Wasserstelle

Nach einer weiteren Stunde war ich dann oben auf dem Gipfel und der Blick von da oben war einfach umwerfend. Schon auf dem Weg musste ich immer wieder anhalten, um das sich mir öffnende Tal und die Gegend zu bestaunen.

Der Weg nach oben

Aber oben auf dem Gipfel war es noch viel beeindruckender. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie die einzelnen Gipfel rund um mich herum hießen, aber was spielte das für eine Rolle? Genau! … Keine. Was zählte war der Moment. Und den habe ich voll ausgekostet.

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Auf der Fluchtwand mit Blick zum Bazahlerkopf

 

Panorama pur

Ein paar Meter weg vom Gipfelkreuz gibt es so eine mit Seilen gesicherte Aussichtsstelle, bei der es nicht darum geht, in die Weite zu gucken, sondern nach unten. Es war, als wäre die Wand senkrecht nach unten abgebrochen. Ich gebe zu, dass ich mich nicht getraut habe, so richtig über die Kante zu gucken. Ich habe mich zwar hingesetzt, aber so ganz schwindelfrei bin ich dann doch nicht. 🙁 … Aber das, was ich gesehen habe, war schon toll.

 

Über den Edelweißsteig ging es dann weiter und leicht hinab zum Bazahlerkopf.

Von der Fluchtwand über den Edelweißsteig zum Bazahlerkopf

Und ich habe doch tatsächlich Edelweiß gesehen!

Edelweiß … was für ein zartes Pflänzchen

Die Vegetation da oben ist toll. Bei flüchtigem Hinsehen, erscheint alles einfach nur grün und von Gras bedeckt. Aber wenn man einen Moment länger verweilt, entdeckt man unzählige Blumen und Gräser, die jetzt gerade in voller Blüte stehen. Die Pflanzen sind so viel kleiner, fast verstecken sie sich zwischen dem Gras, aber das sieht so schön aus. Und dazwischen dieses zarte Edelweiß.

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Der Abstieg vom Bazahlerkopf zurück zur Labaumalm hat mich schmerzhaft daran erinnert, dass ich überhaupt nicht gern abwärts laufe. Dieses ständige „Bremsen“ geht mächtig auf die Knie. Bergauf ist sicherlich auch nicht immer leicht, aber es belastet wesentlich weniger die Knie und Zehen … ich war doch tatsächlich für jeden Meter, der zur Entspannung mal wenigstens gerade aus ging, dankbar.

Panorama vom Bazahlerkopf

Gegen 12.30 Uhr war ich zurück an der Labaunalm, die erst heute eröffnet hat und ich war der erste Gast. Die Labaunalm wird nur bewirtschaftet, wenn der Almauftrieb geschafft ist. Und der hat gerade erst stattgefunden. Die Viecher liefen da mehr oder weniger quer in der Gegend rum und überall bimmelte es von den Kuhglocken.

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Die Wirtsleute waren noch gar nicht richtig auf Gäste eingestellt, so dass ich kurzerhand – nach meiner Frage nach etwas Essbarem – zum Mittagessen der Familie eingeladen wurde. Leckere Käsespätzle, die so gar nicht auf der Karte standen … und doch genau richtig waren.

Leckere Käsespätzle auf der Labaunalm!

Ich habe mich da so richtig wohl gefühlt und wollte gar nicht mehr los. Aber irgendwann musste ich mich aufraffen. Hatte ich doch noch ein ziemliches Stück Weg vor mir. Inzwischen war es zwar zu spät, um noch die letzte Seilbahn ins Tal zu erwischen, aber dann würde ich eben auch noch den Abstieg ins Tal nehmen. Die Tage sind ja lange hell … und in der Beschreibung stand ja drin, dass der vor mir liegende Höhenweg letztlich keine „bedeutenden Steigungen aufweist“! 😉

Doch erstmal musste ich wieder bergauf. Lag die Labaunalm lediglich auf knapp 2000m, ist das Labauner Köpfl auf 2200m. Allerdings musste ich erstmal den Weg finden! Da war zwar ein Schild, aber kein Weg. Da waren überall Rindviecher und das, was da mal als Weg vorgegeben sein sollte, war inzwischen völlig zertrampelt.

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Nach ein paar nutzlosen querfeldein Metern, war ich irgendwann auf dem richtigen Pfad. Zum Glück hatte ich mein Navi mit und konnte immer wieder vergleichen, ob ich halbwegs richtig bin.

Während es auf dem Weg von der Labaunalm zum Labauner Köpfl noch ab und an etwas schattiges Waldgebiet gab…

Manchmal gabs noch Schatten

… war das dann so ab 2100m vorbei! Die Sonne brannte heftig, aber wo soll der Schatten herkommen, wenn der Weg oberhalb der Waldgrenze verläuft? Da standen die Chancen etwas schlecht 🙁

Oben auf dem Labaunköfl angekommen …

auf dem Labauner Köpfl 2207m

…dachte ich so bei mir: „Hey geschafft! Jetzt hast du die Maximalhöhe erreicht und nun wanderst du schön gleichmäßig weiter!“ Na ja, das ganz hat maximal 500m gehalten..

sieht doch nach einem gleichmäßigen Weg aus

… und ich stand auf einer Bergkuppe, die hinab ins Tal führte… und dann wieder hinauf … und wieder hinab. 🙁

keine „nennenswerten“ Anstiege!

Hatte da nicht irgendjemand etwas von „ohne nennenswerte Anstiege“ geschrieben?! 😮  Keine Ahnung ob es daran lag, dass ich inzwischen schon eine Menge Höhenmeter in den Beinen hatte, jedenfalls empfand ich dieses Berg- und Tal-Gelaufe äußerst nervenaufreibend!

Erst runter und dann da drüber wieder rauf!

Auch im Streckenprofil sieht das alles gar nicht so dramatisch aus. Aber meine Füße und Beine waren da völlig anderer Meinung. Möglicherweise war der Höhenunterschied zwischen Bergkamm und Talsole nie mehr als 50-60m, aber offensichtlich ging mir die Puste aus und ich begann langsam an einen möglichen Plan B zu denken. Die Strecke war noch ziemlich weit. Konnte ich auch schon in nächster Zeit den Abstieg ins Tal beginnen? Eigentlich hatte ich auf meinem Navi keinen anderen Abstieg, als den über die Bergkastel-Bahn, gesehen.

Und dann kam die Rettung. Plötzlich stand da dieses Schild in der Gegend rum und zeigte direkt hinunter ins Tal und erklärte mir, dass es da einen Wanderweg Nr. 18b gibt, der mich nach Nauders bringt… nach etwa 18 km. Juhuuuu… Problem gelöst! 😉

Weg Nr. 18b … meine Rettung

Jetzt konnte ich mich erstmal in aller Ruhe in das Gras legen und meinen Füßen und mir ein bisschen Erholung gönnen. Es war „gerade mal“ 16 Uhr. Ich hatte einen Abstiegsweg…. der zwar auf keiner Karte verzeichnet war 😉 , aber wenn es da auf dem Schild stand, ging es auch runter! Basta 😉

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Und dann fing mein persönliches Drama des Tages an! 🙁  Wo führte Weg Nr. 18b eigentlich lang? Mein Navi hilft nicht weiter. Auf der Naivkarte war einfach nur ein riesiges Nichts. Und in der Realität gab es auch keinen erkennbaren Weg. Nur Bodendecker. Sonst nichts. Der Wegweiser zeigte direkt nach unten und irgendwo da rechts war so eine komische verblichene rote Markierung. Was also? Runter oder erstmal rechts?  Da sah so etwas aus wie ein Minitrampelpfad. Ganz schwach nur (vielleicht läuft hier selten jemand) … also diesem imaginären Nichts hinterher. Rechts weg. Gut … ein Anfang!

Es wurde schnell steiler und ich landete immer tiefer im dichten Dickicht. Konnte hier ein Weg lang gehen? OK, noch ein kleines Stückchen. Meine Güte, war der Hang steil … gefühlt 30% Steigung; oder sagt man Neigung? Egal. Es war verdammt steil und ich war heilfroh, dass ich meine Trekkingstöcke dabei hatte, mit denen ich mir immer wieder Halt geben konnte. Und dann stand ich vor einem Abgrund 😮 Mist … Hier ging es definitiv nicht weiter. Also den ganzen Käse wieder zurück irgendwie zur Ausgangsstelle und runter. Nach einem ziemlichen Kampf mit allerlei Gestrüpp habe ich endlich wieder so eine heiß ersehnte rot-weiße Markierung gesehen. Yippie!!! Jetzt geht es voran.

Juhuu … Weg Nr. 18b wiedergefunden!

Bis … ja, bis ich wieder im Unterholz landete, weil die Wegmarkierung fehlte. Ich habe geflucht wie ein Rohrspatz! Wenn das die ganzen zu bewältigenden 700 Hm so abwärts geht, bin ich morgen noch nicht unten!!! Meine Laune sank merklich in den Keller. Und meine Füße und vor allem meine Zehen, die bei dem ganzen Abwärtsgestolpere immer heftig vorn an meine Wanderschuhe stießen, waren echt sauer und taten weh. 🙁

Hier ist einfach kein Weg! Hier ist nur Gras und Wald!

Das ganze hat etwa eine Stunde gedauert und dann war ich endlich auf dem breiten Forstweg ins Tal nach Nauders. Uff … durchatmen.

Geschafft! Aus Weg Nr. 18b (links) wurde endlich Weg Nr. 18!

Natürlich ging es weiter steil bergab, aber ich stolperte nicht mehr im Wald rum … das war immerhin ein wesentlicher Fortschritt. 😉

Noch ganze 45 Minuten dauerte mein Weg bis ins Hotel und ich gestehe, dass ich mehr als froh war, endlich da zu sein. Na das wäre ja was geworden, hätte ich tatsächlich meinen Plan komplett umsetzen wollen. Bis zur Bergbahn und dann auch noch abwärts zu laufen! Ich darf gar nicht dran denken 😮

Ich bin einfach mit all meinen Wanderklamotten zum Abendessen und Sonnenuntergang genießen auf die Hotelterrasse gegangen. Wäre ich erst noch aufs Zimmer hoch, wäre ich ganz sicher stehenden Fußes eingeschlafen.

Ein toller Sonnenuntergang zum Tagesabschluss

Nach einem leckeren Abendessen, vor allem einem leckeren Dessert, war ich wieder mit der Welt versöhnt, konnte herrlich zufrieden, wenn auch geschafft ins Bett fallen und ins Land der Träume verschwinden.

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Und das ist die ganze Tour von heute. Sie trotz aller Abstiegswidrigkeiten sehr schön und in der Realität „nur“ 23 km lang (keine Ahnung warum unten fast 30 km angezeigt werden), wobei es reichlich 1.400 Hm waren.

Download

 

Achtung!
Sollte irgendjemand einmal diese Tour nachwandern, dann bitte beim Abzweig auf Weg Nr. 18b aufpassen. Erspart euch den durchaus nicht ungefährlichen Weg ins Dickicht und versucht gleich links am Wald vorbei Richtung Nauders abwärts zu wandern!

Anja Keller

Draußen sein, Radfahren oder Wandern ist ein guter Ausgleich zur Schnelligkeit des Alltags.

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