Entnervendes Rennrad – Hop on – Hop off

Wenn ich so mit dem Rad auf meinen Touren bin, habe ich meist genügend Zeit, über einen Titel für meinen Tourbericht nachzudenken. Manchmal findet der Titel auch mich. Heute war es so. Lange Zeit hatte ich „Talsperren-Cashing“ im Sinn, denn ich wollte zur Klingenberg- und Maltertalsperre. Aber später, im Laufe der Tour, als ich gefühlt alle 50 m angehalten habe, weil ich nicht mehr weiter wollte, war klar, dass es irgendwas mit „Hopon Hopoff„, sein musste. In Anlehnung an diese Touristenbusse, bei denen man nach Belieben bei einer Stadtrundfahrt ein- und aussteigen kann, wenn man keine Lust mehr auf die Rundfahrt hat. Aber bevor ich meinen launigen Tiefpunkt erreicht hatte, gab es schon einige Kilometer, über die es natürlich etwas zu berichten gibt. 😉

Ich war schon lange nicht mehr mit dem Rennrad unterwegs und da ich am kommenden Sonntag im Vogtland den TUJA Grenzland Radmarathon mitfahren will, hatte ich mir vorgenommen, vorher wenigstens noch mal eine Rennradrunde zu absolvieren. Ob ich (nach meinen vermehrten MTB-Touren) das Rennrad noch beherrschen würde … das Ein- und Ausklicken aus den Pedalen nicht verlernt habe? Im Internet habe ich eine interessante Tour durch den Tharandter Wald hin zur Klingenberg– und Maltertalsperre gefunden. Ich wollte schon immer mal Richtung Freital / Tharandt. Hat aber irgendwie bisher nicht geklappt. Also sollte das heute die Strecke meiner Wahl sein. Reichlich 90 km und um die 1000 Hm.

Kurz nach 7 Uhr saß ich auf dem Rad und schnell ging es zum Elberadweg. Es gab noch strahlend klares Morgenlicht und die drei Elbschlösser (Schloss Abrechtsberg, Lingnerschloss, Schloss Eckberg) tronten majestätisch über der Elbe. Ich mag diesen Anblick wirklich sehr.

Die drei Elbschlösser

Die drei Elbschlösser

Aber mit der Ruhe war es leider bald vorbei. Um nach Tharandt bzw. in den Tharandter Wald mit dem Rad zu gelangen, muss ich erst einmal quer durch Dresden. Und das morgens um 7.30 Uhr im Hauptberufsverkehr. 😮 … Zum Glück gibt es die ganze Strecke bis Freital einen Radweg, aber trotzdem war ich schon nach kurzer Zeit völlig entnervt, weil ich auch immer Bedenken hatte, dass ein Autofahrer vielleicht nicht so ganz mitkriegt, dass ich auch noch ein Verkehrsteilnehmer bin.

Nach reichlich einer Stunde hatte ich dann in Freital die Weißeritz erreicht und endlich so etwas wie Ruhe beim Radeln. Das war bitter nötig, da meine Laune ganz allmählich vor Anspannung im Straßenverkehr drohte in den Keller zu rutschen.

Freital an der Weißeritz

Freital an der Weißeritz

Es ging zwar direkt auf der Landstraße weiter, aber der Verkehr nahm deutlich ab. Ich war über jeden Radweg dankbar, auf den ich ausweichen konnte. Allmählich nahm ich meine Umwelt wieder entspannt wahr. Das Entdecken der Landschaft ist für mich ja immer Hauptmotivationsgrund, mit dem Rad draußen zu sein. Und in Cossmannsdorf wurde mir dann auch endgültig bewusst, dass es Herbst wird … wie sehr ich mich auf die Farbenpracht eines goldenen Herbstes freue.

es wird Herbst

Es wird Herbst

Bis nach Tharandt verliefen dann die ersten 25 km ansonsten aber recht entspannt. Die Höhenmeter hielten sich in Grenzen und ich bin ganz langsam der (leider irrigen 😉 ) Annahme verfallen, dass sich dann bestimmt die ganzen 1000 Hm schön gleichmäßig über den Rest des Tages verteilen.

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Gleich nachdem ich diesen herrlichen Blick auf eine alte Villa in Tharandt erhascht hatte, ging es steif bergauf Richtung Grillenburg und hinein in den Tharandter Wald. Und auch wenn ich halbwegs gut (wenn auch schleichend wie eine Schnecke) hinauf gekommen bin, habe ich wieder ganz schnell gemerkt, dass ich einfach mit der Schaltung am MTB wesentlich besser die Berge hoch komme. Ich gestehe, dass ich von diesen ganzen technischen Details nicht wirklich viel verstehe. Aber diese Tatsache verleitet mir zur Zeit so ein bisschen das Rennradfahren, denn hier in meiner Gegend gibt es überall Hubbel, die ich hoch muss. Da wird das MTB wohl künftig eher meine Wahl sein. (Ja klar, weiß ich auch, dass ich „nur“ mehr trainieren muss. Dann klappts auch mit dem Rennrad … aber bis dahin… 😉 )

Am Jagdschloss Grillenburg habe ich dann erstmal Pause gemacht. Ich musste meine Beine etwas zur Ruhe kommen lassen.

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Übrigens ging mein Blick beim Fahren durch den Tharandter Wald immer wieder rechts und links in den Wald hinein. Hier muss es sich herrlich mit dem MTB fahren lassen (Notiz an mich: … ist auch mal ein Plan für eine Tour 🙂 )

Nach 40 km war ich dann in Klingenberg und wollte – wie geplant – eine schöne Runde um die Talsperre drehen. Im Navigationssystem war da so eine wunderbare „breite“ Straße eingezeichnet. Fix den Panoramahügel erklommen:

Klingenberg: Panoramablick über das Osterzgebirge

Klingenberg: Panoramablick über das Osterzgebirge

… und dann sollte es schnell weiter gehen. Aber zwei Bauarbeiter haben mir diesen „Zahn sehr schnell gezogen“. Es gibt zwar einen Weg komplett rum um die Talsperre (sagte man mir), aber das ist ein Wanderweg mit Wurzeln und Steinen und leider nicht für Rennräder befahrbar (WO IST MEIN MOUTAINBIKE???? 😮 ). Also musste ich unverrichteter Dinge weiter auf der Straße radeln. Aber es gab ja noch eine zweite Chance zur Talsperre Klingenberg vorzudringen. Ich musste nur ein paar Kilometer weiterradeln, bis die Landstraße auf das andere Ende der Talsperre trifft. Oder genauer gesagt, dort beginnt die Stauung der Wilden Weißeritz im Vorstaubecken (der sog. Vorsperre). Da wird man doch wohl auf einem vernünftigen Weg hinkommen!

Gesagt, getan … und 10 km weiter fast vorbeigeradelt! Denn was soll ich sagen?! Es gab mal wieder keine halbwegs mit dem Rennrad vernünftig befahrbare Straße oder Radweg. Es musste mal wieder die Schotterpiste bzw. der Wanderweg sein 😮 …

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Aber jetzt war es mir egal. Dann steige ich eben ab und schiebe mein Rad! Aber ich fahre nicht an dieser Talsperre vorbei, ohne die wenigstens einmal gesehen zu haben.

Und plötzlich war der ganze Landstraßenstress vergessen. Für einen kurzen Augenblick eingetaucht in den Wald und die Stille. So mag ich meine Touren sehr gern 😉

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Die Böschung an der Tasperre war so zugewuchert, dass ich echt Mühe hatte, mal ein kleines freies Fleckchen mit ungestörter Sicht zu finden. Aber nach einigen Wander- / Schiebemetern wurde ich dann endlich auch mit einem wunderbaren Blick über die Talsperre belohnt. Herrlich … die Sonne schien. Ich war weit weg von Auto’s und LKW’s, die mir ständig ihre Abgase in die Nase pusteten und ich hatte ein lauschiges Plätzchen für eine Mittagspause.

Talsperre Klingenberg

Talsperre Klingenberg

So wie sich die Hügel rund um die Talsperre schmiegen, muss das eine ganz wunderbare Rundtour drumherum sein. Gelaufen oder mit einem anderen Rad gefahren. Irgendwann mache ich auch das mal. Ganz sicher!

Doch da ich erst die Hälfte meiner Tagesstrecke geschafft hatte, konnte ich hier nicht ewig bleiben. Ich musste weiter. Und wie sollte es anders sein… bergauf! 😮 So schön, wie die Pause am Rand der Talsperre war, so schlecht war sie für meine Beine. Die hatten absolut keine Lust den Berg Richtung Bärwalde hinaufzuklettern. Und die Bezeichnung „Butterstraße“ passte an dieser Stelle echt wie die „Faust aufs Auge“ … meine Beine waren butterweich!

Dieser Wegname machte dem Streckenabschnitt alle Ehre!

Dieser Wegname machte dem Streckenabschnitt alle Ehre!

Zum Glück ging es dann erst einmal halbwegs gerade bzw. schön bergab. Mit tollem Panorama.

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Ich bin auf meinen Touren ganz gern auch mal allein unterwegs. Mein Tempo. Meine Strecke. Meine (Foto)Pausen. Aber heute, auf der langen entnervenden Strecke (wegen Verkehr und den Hügeln) hab ich mir ab und an gewünscht, nicht allein unterwegs zu sein. Das da jemand zum Motivieren ist und mit dem man gemeinsam jammern kann. Doch leider musste mir heute laute „Krachmusik“ im Ohr genügen und als Aufputscher reichen. 😉

Nach einer ordentlichen Abfahrt war sie dann in Sichtweite, die zweite Talsperre des Tages… die Maltertalsperre. Absolut nicht versteckt. Um die zu verfehlen musste man schon blind sein. Und das Beste war, dass ich fast in ein Eiscafe hineingerollt bin. Das war mein Platz für mindestens die nächsten 30 Minuten. PAUSE 😉

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Maltertalsperre

Maltertalsperre

Der Charakter der Maltertalsperre ist so ganz anders als bei der Talsperre in Klingenberg. Erst einmal sind da keine Hügel rund um die Talsperre. Außerdem ist die Talsperre in die naheliegende Infrastuktur integriert, d.h. hier gibt es einen Badestrand und offene touristische Angebote. Und doch hat mir die etwas versteckte und nicht so präsente Talsperre in Klingenberg besser gefallen. Die Geschmäcker sind zum Glück verschieden.

Irgendwie war ich zu diesem Zeitpunkt der Meinung, dass ich von hier aus die letzten 30 km zurück Richtung Dresden einfach nur schön abwärts rollern könnte. Wie sehr ich mich darin getäuscht habe, wurde mir bald bewusst. Ich frage mich ernsthaft, wieso ich immer diese Anstiege bei der Tourvorbereitung übersehe. 😮

Die nächsten reichlich 10 km haben mich fast an den Rand der Verzweiflung gebracht. Meine Kondition war nach reichlich 65 km und den bereits erklommenen Höhenmeter echt am Ende. Es gab da einen Abschnitt, da habe ich ernsthaft alle 50 m angehalten. Ich kam mir vor wie in einem dieser Hopon-Hopoff-Touristenbusse in Großstädten. An jeder Milchkanne wird da angehalten und ein- und ausgestiegen. So wie ich gerade rauf aufs Rad. Runter vom Rad! 🙁 Und jetzt war es auch gut, dass ich allein unterwegs war. Spätestens an dieser Stelle hätte mir jeder Begleiter die Freundschaft gekündigt 😉 Und genau jetzt wusste ich auch sehr deutlich, wie die Überschrift für meinen Tourbericht lauten würde. Zwischendrin war ich soweit, dass ich keine Abfahrten mehr wollte, weil ich immer dachte: „Wetten, da unten musste dann den ganzen Käse wieder hoch!!! 😮 „. Ich habe sogar angehalten um einen Apfelbaum zu fotografieren … nur um eine Pause zu haben! 😉 … Hier ist das „herrliche“ Exemplar.

Pausenverursacher ;-)

Pausenverursacher 😉

Einmal hatte ich sogar ernsthaft den Gedanken, mit dem Bus zurück zu fahren (ja ich weiß … FREVEL! Habs ja auch nicht gemacht). Aber dieser Abschnitt war echt zermürbend.

Kurz vor Kreischa war es dann geschafft. Bis auf kleinere „Maulwurfshügel“ sollte es das mit Bergen für heute gewesen sein. Die letzten 20 km musste ich zwar trotzdem kurbeln, aber halbwegs abwärts oder geradeaus. Allerdings meldete sich nun auch wieder die volle Wucht der Zivilisation mit ihrem Feierabendverkehr. War die Strecke seit Tharandt wegen der Anstiege entnervend anstrengend, fand ich jetzt die Rückkehr in die Stadt wegen dem Lärm und der Autos viel entnervender. Da hieß es noch einmal volle Konzentration, damit nicht noch auf den letzten Metern etwas passiert. Und dass ich wieder zurück in der brodelnden Infrastruktur einer Großstadt war, zeigte mir auch dieser Anblick.

Harter Kontrast

Harter Kontrast

Ich war hin und hergerissen, ob ich dieses mitten in der Landschaft rumstehende Monstrum mag oder ablehne. Die klaren Linien der technischen Architektur finde ich sehr faszinierend. Irgendwie hatte die Brücke etwas Schlankes. Filigranes. Und doch war dieses Ungetüm ein kleiner Schock für mein Auge nach vielen Stunden im Hinterland und weiten Panoramablicken. Aber wie so oft im Leben gibt es wohl auch hier kein Richtig oder Falsch. Kein Gut oder Schlecht. Zwei Seiten einer Medaille … denn ohne solche Bauwerke gibt es eben auch nicht das gewohnt komfortable Leben.

Endlich wieder auf dem Elberadweg, ging es noch ein paar Kilometer mit der Elbe flussabwärts bis zum Blauen Wunder. Ich war fast wieder daheim.

immer wieder schön: Elbhänge und das Blaue Wunder

immer wieder schön: Elbhänge und das Blaue Wunder

Ja genau… fast! Normalerweise müsste ich jetzt noch einmal 100 Hm bis zum Tourziel erkurbeln, aber die schenke ich mir heute. Ich kann einfach nicht mehr … und zum Glück gibt es ja immer meinen Nofallplan, falls die Kondition mal wieder den Geist aufgegeben hat: die Standseilbahn bis fast vor die Haustür. So auch heute

Die Dresdner Standseilbahn bringt mich vom Blauen Wunder herrlich entspannt nach Hause

Die Dresdner Standseilbahn bringt mich vom Blauen Wunder herrlich entspannt nach Hause

… und ich habe nicht das geringste schlechte Gewissen, … nicht mehr nach 97 km und fast 1300 Hm 😉

Eine Frage habe ich mir heute immer wieder gestellt. Ich kenne ja einige passionierte Rennradler, die nur auf der Straße unterwegs sind. Wie halten die das nur aus? Die Beschaffenheit des Rennrades, insbesondere der Bereifung, erzwingt ein Fahren auf der Landstraße und irgendwie muss man da immer durch Städte durch. Und es gibt diesen Verkehr. Klar bin ich in der Vergangenheit auch schon Touren mit dem Rennrad gefahren (im Hinterland), aber heute zweimal quer durch Dresden hat mich völlig entnervt. Ich hatte ständig Angst, von einem Auto- / LKW-Fahrer übersehen zu werden (trotz Radweg). Was für ein Stress! Jetzt brauche ich erstmal wieder ein bisschen Ruhe im Wald und völlig autofrei.

Und hier der Track der ganzen Tour.

Download

 

Anja Keller

Draußen sein, Radfahren oder Wandern ist ein guter Ausgleich zur Schnelligkeit des Alltags.

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2 Antworten

  1. Pit sagt:

    Hallo Anja,
    wieder mal ein sehr schöner Beitrag von Dir! Und das mit dem Straßenverkehr stimmt leider auch! In Dresden mache ich es immer so, dass ich mir die ruhigsten Schleichwege aussuche. Neben der Löbtauer Straße verläuft z.B. ein kleiner relativ neuer Radweg, Den fahre ich sehr gerne. Leider muss ich tagtäglich durch die Stadt mit dem Fahrrad, und da gewöhnt man sich an einiges. Mir sind die Autos jetzt relativ egal, ich wurschtle mich durchs Chaos und komme damit ganz gut zu Recht. Fahrradtouren mache ich meistens am Wochenende, und dann fahre ich immer sehr sehr zeitig los.
    Eine Mountainbike-Tour durch den Tharandter Wald kann ich Dir sehr empfehlen. Besser kommst Du allerdings, wenn Du wanderst. Herrliches Wandergebiet!! Na dann, viel Spaß am Wochenende beim TUJA Grenzland-Radmarathon.
    Viele Grüße – Pit

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