Der frühe Vogel ist ein Glückskind

Ja ja, ich weiß schon, dass diese Metapher anders geht, aber ein wenig künstlerische Freiheit sei mir gestattet 😉

Bisher war ich immer in der Hinteren Sächsischen Schweiz unterwegs. Irgendwie hat es sich eben so ergeben. Für mich ist die Vordere Sächsische Schweiz irgendwie immer „nur“ mit der Bastei und mit Unmengen von Touristen verbunden. Busladungen von Besuchern, die sicherlich für die Region eine wichtige Einnahmequelle sind, mich aber echt stressen. Das ist einfach nicht die Art von Freizeitgestaltung, die mich reizt. Und doch wollte ich schon lange mal wieder auf die Bastei, weil der Ausblick von da oben einfach unbeschreiblich ist.

Schon seit längerem habe ich mit einer MTB-Tour zur Bastei und ins Umland geliebäugelt. Sogar eine passende Route habe ich auf einer Seite der Sächsischen Schweiz gefunden. Lediglich die Strecke habe ich ein wenig  optimiert 😉 , denn ich fahre nicht so gerne Landstraße. Dank Routenplanungssoftware geht das eigentlich ganz gut. Außerdem wollte ich schon immer mal durch das obere Polenztal radeln. Die Abfahrt sieht auf der Karte toll aus. Und warum dann nicht auch noch (einmal) zur Brandaussicht? Wenn ich schon mal da bin. 😉 Schnell war die Route fertig geplant und heute sollte es endlich los gehen. Das Wetter versprach Sonne und mal keinen Regen (der hat mir in den letzten Tagen ganz schön die Laune vermiest).

Was aber tun, um dem Touristenrummel auf der Bastei zu entgehen? Das geht eigentlich nur wenn ich früher da bin als die Buslandungen mit Touristen. Sehr viel früher! 😉 Inzwischen bin ich ein echter Fan der Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln und meine Reiseapp kam zu dem Schluss, dass ich kurz vor 6 Uhr ( 😮 ) in der Straßenbahn sitzen sollte, um gegen 7 Uhr in Rathen zu sein. Denn Rathen war mein heutiger Start- und Zielpunkt.

Etwas müde, aber sehr pünktlich war ich 7 Uhr in Rathen und es stimmt. Um diese Zeit ist echt noch alles im Bett 😉 Leider auch die Sonne. Eigentlich sollte bereits um diese frühe Morgenstunde die Sonne herrlich vom Himmel strahlen, aber die hatte wohl andere Pläne.

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Von der Elbe aufsteigender Nebel sieht zwar herrlich mystisch aus, und ein wolkenverhangener Himmel tut sein übriges dazu, aber beides ist auch eine sehr frische Kombination. Ich hatte doch echt ein bisschen Schnatterpelle 😉

Dagegen hilft nur bewegen! Also schnell mit der Fähre nach Rathen übersetzen, rauf aufs MTB und los gehts. Zum Einradeln gab es erstmal ein paar Kilometer entlang der Elbe, bevor es in Wehlen den Berg hoch ging. Zuerst Landstraße und ich dachte schon „Oooch nööö. Nicht auf der Straße!“. Aber ich hatte Glück. Nach ein paar Metern konnte ich rechts auf eine Schotterstraße abbiegen, und dann auf dem Wehlener Grund tief in den Wald eintauchen. Und da war er wieder, dieser Moment, in dem ich auf meiner Tour endgültig ankomme, die Stille und die Bäume um mich herum bewußt wahrnehme. Mich darauf einlasse. Immer und immer wieder.

Dann wurde aus dem Wehlener Grund der Zscherregrund. Rechts und links ragten Felsformationen in den Himmel. Und es war still.  Ich war allein. Kein anderer auf meinem Weg. Ich hörte nur das Knacken der Bäume oder das Tropfen des Wassers von den Felsen. Durch den Regen der letzten Wochen und der inzwischen strahlenden Sonne leuchtete das Grün der Farne und Blätter der Bäume in den hellsten Tönen. Ich war hin und weg. Ich bin praktisch an jeder Kurve und jedem Steinmupfel hängen geblieben und habe fotografiert 😉

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Ich konnte einfach nicht anders. Selbst wenn ich mir sagte: „So, jetzt ist aber mal gut!“, hat es kaum drei Sekunden gedauert, bis ich die Handykamera wieder aktiviert hatte 😉 Aber irgendwann ging selbst mir auf, dass ich so nicht weiterkomme. So komme ich ja nie zur Bastei! 😮

Also los; kräftig in die Pedale treten. Es ging noch eine Weile ordentlich bergauf; rechts rauf auf die Landstraße und dann war ich auch schon auf der Bastei. Kurz nach 8 Uhr. Und ich war allein!!! Das war verrückt. Nie hätte ich auch nur im Entferntesten damit gerechnet. Aber es war so. Da waren nur noch zwei Mädels und ich konnte nach Herzenslust rumlaufen und genießen. Was für Ausblicke!

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Ich hatte das Gefühl, alles ist mit einem dieser völlig kitschigen Farbfilter überzogen. Reizüberflutung! 😉  Herrlich!

auf der Bastei

auf der Bastei

on the top of the hill

on the top of the hill

on top of the hill

on top of the hill

Wenn man so ganz alleine auf den Steigen und Wegen der Bastei unterwegs ist, ist das ein echter Genuss. Ich hatte so Lust, immer weiter zu laufen und zu fotografieren. Ich weiß, dass in jedem Reiseführer genau diese Motive und Ausblicke wesentlich perfekter abgebildet sind, aber ich musste mir das jetzt einfach gönnen 😉 Irgendwann hatte ich dann jedes Motiv (auch die Standardmotive) fotografiert und musste endlich mal eine Frühstückspause einlegen. Mein Magen knurrte sehr unzufrieden. Habe ein tolles Plätzchen mit Aussicht gefunden.

Pause!

Pause!

Leider war es nach einer Stunde vorbei mit der Stille und der Einsamkeit. Ich hörte sie schon brabbeln und kreischen, bevor ich sie gesehen habe … die erste Busladung Basteibesucher. Hingefahren. Ausgekippt und einmal schnell über die Bastei geschlappt. Ich war fasziniert, wie schnell sich das Gelände der Bastei füllte. Als ob sich alle verabredet hätten, spätestens um 9.30 Uhr da zu sein. Das war mein Stichwort – nichts wie weg! Rauf auf das MTB und zurück in den Wald. Bitte ganz schnell. 🙂

Jetzt war Rathewalde mein nächstes Ziel. Soweit es ging, schön weit weg von der Straße. Zunächst ging es wunderbar bergab. Aber wie das so ist, irgendwann ging es auch „herrlich“ wieder hinauf und raus aus dem Wald. Das war erstmal ungewohnt und der lose Waldboden samt Wurzeln und Steinen wurde abgelöst von einem Feldweg.

Weites Feld und Wiese

Weites Feld und Wiese

Ich mag ja ohnehin nicht sooo gern bergauf fahren, aber dann auch noch bergauf auf so losem Untergrund kurbeln zu müssen, entlockt mir dann doch den einen oder anderen Fluch.

Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell sich auf meinen Touren durch die Sächsische Schweiz immer wieder die Landschaft ändert. Aber ich kann mir sicher sein; nach jeder Schinderei einen Berg hinauf, gibt es einen grandiosen Ausblick, der für alle Anstrengung belohnt. So wie hier am Hohburkersdorfer Rundblick.

Hohburkersdorfer Rundblick

Hohburkersdorfer Rundblick

Leider war es etwas diesig, so dass ich die ganzen (Tafel)Berge nicht richtig klar sehen konnte, aber ein schönes lauschiges Plätzen für eine Pause war es auf jeden Fall. Natürlich habe ich das genutzt. Dieser Ausblick war mir aber nicht unbekannt. Nicht das erste Mal habe ich diesen Blick genossen. Auf allen meinen Touren Richtung Hohnstein war ein Stopp hier oben Pflicht.

Nach so viel Weitblick wurde es wieder Zeit, in den Wald einzutauchen. Hinab Richtung Polenztal. Das obere Polenztal durchquert man auf einer Landstraße. Schön zum bergab rollen – auf Asphalt. Der untere Teil ist ein herrlicher Wanderweg auf relativ gleichbleibendem flachen Niveau. Doch immer murmelt ein Bach nebenher.

Unten im Tal angekommen, stand ich mit sehr gemischten Gefühlen vor der weiteren Streckenführung des Polenztalwegs. Denn der ist in der Talsole zwischen dem Gasthaus Polenztal und der Waltersdorfer Mühle für den Radfahrer gesperrt. Dies wird auch schön plakativ durch ein Verbotsschild verdeutlicht. Es gibt die Nationalparkregeln, die eindeutig und klar formuliert sind, aber so ein Schild zu sehen ist schon wie eine Keule für alle Ignoranten.

Jetzt hat es sicher jeder kapiert... ;-)

Jetzt hat es sicher jeder kapiert… 😉

Doch warum soll ich mit meinem Fahrrad nicht da fahren, wo andere in Scharen entlang wandern? Andererseits ist es mir auch wieder nachvollziehbar, dass Horden von Radreifen den losen Untergrund auf diesem schmalen Pfad entlang der Polenz in Mitleidenschaft ziehen würden. Ich bin da wirklich hin und hergerissen. Aber zum Glück bedeutet „Radfahrverbot“ nicht gleichzeitig auch ein Verbot mit dem Fahrrad die Strecke zu passieren 😉 . Nach der Waltersdorfer Mühle ist der Polenztalweg zum Glück nicht mehr für Radler gesperrt und ich kam auf breitem flachen Forstweg wieder schneller voran, bis die Landstraße von Porschdorf mal wieder aufwärts Richtung Hohnstein führte. Denn der nächste Etappenpunkt meiner Tour war die Brandaussicht. Leider war die Straße gesperrt. 🙁 Die vielen Unwetter der letzten Zeit haben die Straße in Mitleidenschaft gezogen. Doch für ein schmales Fahrrad wird schon irgendwie Platz sein UND ich hatte die Straße hinauf ganz für mich allein.

freie Fahrt

freie Fahrt

Aber ganz bis Hohnstein hinauf wollte ich erst einmal nicht, denn die Brandaussicht lag linker Hand. Und mit meiner tollen Tourenplanungssoftware hatte ich sogar eine schöne weiße breite Linie gefunden, die im allgemeinen als breiter Forstweg definiert ist. Also warum nicht die Abkürzung nehmen, statt einen langen Bogen auf der Landstraße? Genau … es gibt keinen Grund. Zumindest wenn man die Strecke nicht kennt 😉 Denn das war alles andere als ein schöner breiter Forstweg und an Fahren (wenn auch aufwärts) war nach etwa 100 m nicht mehr zu denken. Da war sie also, meine obligatorische „Schiebestrecke“, weil ich mich beim Tourenplanen mal wieder für den falschen Abzweig entschieden habe. 😉 Da musste ich jetzt wohl durch … denn auf ein Zurück und den Berg die Landstraße hoch hatte ich auch keine Lust. Wäre auch ein ziemlicher Umweg gewesen!

Schiebestrecke

Schiebestrecke

Nachdem ich oben schnaufend und mit leichter Schnappatmung auf dem Nationalparkweg ankam, gab es dann auch ein Hinweisschild, dass man den Weg aus eigenen Sicherheitsgründen derzeit lieber nicht benutzen sollte … aha 😉 Nach einem erholsamen Stückchen auf breitem Forstweg war ich auf der Brandaussicht. Vor einiger Zeit war ich schon einmal bei einer Wanderung hier und heute hoffte ich auf etwas bessere Sicht als damals.

Brandaussicht

Brandaussicht

Leider war es nicht ganz so klar, aber immer noch eine wunderbare Aussicht. Und da ganz hinten rechts; da wo dieser weiße helle Fleck ist, war ich vor ein paar Stunden auf der Bastei. Ist schon ein Stück Weg. Natürlich war ich – jetzt um die Mittagszeit – nicht mehr allein unterwegs. Die Plätze vorn auf der Terrasse an der Brüstung waren sehr begehrt 😉 Trotzdem ich die Aussicht kannte, stand ich wieder wie ein Kind mit Stauneaugen an der Brüstung und habe den Ausblick genossen (und habe meinen Platz verteidigt).

Brandaussicht

Brandaussicht

So langsam hatte ich dann doch ein wenig genug von Aussichten. Mein mir mögliches Maß an Reizaufnahme war erreicht. Ich hatte Lust, mich auf den Rückweg zu begeben. Schön abwärts rollen oder maximal auf gerader Strecke zurück nach Rathen kurbeln. Zumindest war so der Plan 😉 Hätte ich mir doch das Höhenprofil meiner geplanten Tour etwas genauer eingeprägt! Von Hohnstein bis zur Grundmühle ging es toll bergab, bis es wieder fies aufwärts Richtung Goßdorf ging. Ein ständiger Wechsel zwischen Schnappatmung und Erholung beim Bergabrollen mit Schuss. Über eine 18%-ig abfallende Straße ging es hinein in den Kohlichtgraben, Richtung Kohlmühle – eine mir nicht unbekannte Gegend.

18% Gefälle auf dem Weg zur Kohlmühle

18% Gefälle auf dem Weg zur Kohlmühle

Dieses Tal hatte ich auf einer meiner Previewtouren Ende Mai entdeckt. Wieder so ein Wechsel der Landschaft. Umgeben von dichtem Wald führte mich meine Strecke ein paar Kilometer entlang der Sebnitz zurück nach Poschdorf… Ja, da war ich heute schon mal. Mein Tourverlauf sieht irgendwie aus wie ein wirres Strickmuster … aber (auch wenn es nicht den Anschein macht) das war so gewollt. 😉 Also bis auf diese Hügelei … die ging mir nämlich langsam gehörig auf den Zeiger. Ich war doch schon fast unten im Tal und Rathen war auch unten an der Elbe. Also was spricht dagegen, die letzten 6 km einfach schön flach zu rollen? Eigentlich nichts, wenn da nicht der Gott der Landschaftsgestaltung ganz andere Pläne gehabt hätte. Immer wenn ich dachte „So; das wars jetzt aber mit Hügeln! Jetzt gehts nur noch bergab!“ kam garantiert wieder so ein Hubbel um die Ecke. 🙁

Irgendwann war ich wieder in Rathen, und das war schon ein bisschen wie in eine andere Welt kommen. Überall Menschen. Sehr viele Menschen! Uff 😮 … ich will zurück in den Wald! Sofort! Aber es nutzt ja nichts. Die Natur und Landschaft gehören allen …. ich war gerade ja auch ein Teil dieser Menschenmasse.

Meine letzte Idee für die heutige Tour war der Besuch vom Amselsee und Amselfall. Beides hier ganz in der Nähe und irgendwie gehört es doch dazu, wenigstens mal dort gewesen zu sein. Obwohl mir nichts Gutes schwante hab ich mich noch mal auf mein MTB gesetzt und bin hin. Ja, es war wie befürchtet. Touristisch ausgebauter Amselsee mit Tret- und Ruderbootverleih. Aber die Krönung war der Amselfall! Da ist ein Wasserfall, um den irgendwie eine Baude gebaut wurde und alle 10 Minuten wird eine Schleuse geöffnet, damit der Tourist auch richtig nass wird und etwas zu sehen hat. Eindeutig das erste und letzte Mal, dass ich dort war. 😮

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Die Felsenbühne Rathen habe ich mir geschenkt. Das ist die dritte Attraktion hier in Rathen, aber mein Bedarf an touristischen Knotenpunkten mit vielen Menschen war restlos gedeckt. Und nach 55 km beständigem berauf und bergab Radeln war ich auch ganz schön geschafft. War aber schon lustig zu sehen, wie sehr sich ein Ort innerhalb von ein paar Stunden verändern kann.

Rathen - von den Touristen entdeckt ;-)

Rathen – von den Touristen entdeckt 😉

Mir hat die stille Morgenstimmung eindeutig besser gefallen … der frühe Vogel ist eben doch ein Glückskind 😉

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Anja Keller

Draußen sein, Radfahren oder Wandern ist ein guter Ausgleich zur Schnelligkeit des Alltags.

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